widersetzen arbeitet nicht mehr mit Psy4F zusammen

In den vergangenen Jahren hatte die Awareness-AG von widersetzen mehrfach mit den Psychologists/Psychotherapists for Future (Psy4F) kooperiert.

Vor dem Hintergrund unserer eigenen Erfahrungen und mehrerer Berichte von Betroffenen und Zeug*innen kommen wir zu der deutlichen Einschätzung, dass Psy4F nicht den Anforderungen genügt, die widersetzen an eine betroffenenzentrierte, intersektionale und antidiskriminierende Awareness-Praxis stellt. Deswegen haben wir die Zusammenarbeit beendet.

Aus unserer Sicht handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein grundsätzliches, strukturelles Problem bei Psy4F. Für uns ist kein ausreichend aktiver Einsatz erkennbar gegen berichtete Fälle von Ableismus, Saneismus, Transfeindlichkeit, Klassismus und Non-binär-Feindlichkeit. Aus ihrer bisherigen Kommunikation und Stellungnahme können wir kein Interesse daran erkennen, dass Betroffene von Diskriminierung Unterstützung und Schutz erhalten. Im Gegenteil: Wir erleben den Umgang der Psy4F als Reframing und Kleinreden, indem strukturelle Probleme negiert und sprachlich auf Einzelfälle und individuelle Konflikte reduziert werden. Auch dies erleben wir und Betroffene als victim blaming und erneute Diskriminierung. Derartiges Verhalten gefährdet von Marginalisierung betroffene Menschen.

Wir bieten weiter konstruktive, awarenesszentrierte Gespräche an, um im direkten Rahmen spezifischer auf Verbesserungen angesichts aus unserer Sicht deutlicher Defizite bezüglich Awareness und Schutz von Betroffenen hinwirken zu können.

Wir bitten um Verständnis, dass wir aus Rücksicht auf die Betroffenen und aus rechtlichen Gründen hier keine Einzelheiten nennen können. Wer zu diesem Statement Fragen hat oder von Diskriminierung betroffen ist, darf sich gern per Mail an uns wenden. Alle Informationen werden selbstverständlich vertraulich behandelt.

Eure Widersetzen AwarenessAG

Awareness Konzept

Awareness Konzept Erfurt

Das neue Awareness Konzept für Erfurt im Juli 2026:

Einleitung/kurzes Selbstverständnis

Dieser Leitfaden ist in erster Linie dazu gedacht, dass sich (vor allem potenziell Awareness arbeitende) Menschen vorab informieren und ein Bild von den für/ rund um Erfurt angedachten Strukturen machen zu können. Dabei ist die vorliegende Fassung als Sammlung von Überlegungen, Konzepten, als „work in progress“ oder nicht vollständig zu begreifen. Vieles von dem, was uns wichtig ist und was wir im Rahmen von Awareness-Arbeit (im Allgemeinen, in Erfurt im Awareness Speziellen) bedenken wollen, wird dabei zumindest benannt. Bei jedem Punkt könnte tiefer getaucht werden. 

Kontextualisierung

widersetzen in Erfurt. Wir sind nicht ohne Grund hier: In diesen Tagen treffen sich Faschist*innen, um ihre menschenverachtende Politik wahlkampfreif zu machen. Mit unterschiedlichen Protestformen wollen wir uns massenhaft widersetzen. 

Das bedeutet: Viele Menschen, viel los. Das bedeutet auch: Omnipräsenz von rechter und Polizei-Gewalt. 

Was all das mit Menschen macht, kann sehr unterschiedlich sein und hängt u.a. davon ab, welche (staatlichen) Gewalt- und/ oder Repressionserfahrungen Menschen in ihrem Leben bereits machen mussten. Diese wiederum sind und werden u.a. davon geformt, wie Menschen positioniert sind bzw. strukturell (de-) privilegiert werden. Dazu kommen die „üblichen“ Themen, die aufkommen, wenn Menschen zusammenkommen: (Wir) Alle tragen Potenziale zur Diskriminierung, Grenzüberschreitung und Gewalt in uns.

Dementsprechend vielschichtig schätzen wir die Awareness-Bedarfe ein, die vor Ort potenziell relevant werden können. Awareness in diesem Kontext zu leisten ist wichtig und erfordert all diese unterschiedlichen Ebenen auf dem Schirm zu haben/ behalten.

Grundsätzlich gilt: Awareness ist eine kollektive Aufgabe, für die alle Menschen gemeinsam verantwortlich sind. Wir wollen gut aufeinander achten, uns im Blick haben und – im Rahmen unserer Möglichkeiten und eigenen Grenzen – gegenseitig unterstützen. 

Um widersetzen für alle so sicher wie möglich zu gestalten und um in der Aktion die Solidarität zu leben, für die wir kämpfen, wollen wir dieses „kollektive Awareness“ um Menschen ergänzen, die sich spezifisch für Awareness verantwortlich fühlen wollen: Awareness Menschen. In den unterschiedlichen Bereichen leisten diese Menschen direkte, betroffenenzentrierte Unterstützungsarbeit. Zusätzlich gibt es die Awareness-Orga, die für (infra-)strukturelle Fragen ansprechbar sind und den Überblick behalten.

Unser zentrales Awareness-Anliegen: Einen Beitrag zu einem fürsorglich, unterstützenden Miteinander zu leisten — sodass wir alle so sicher wie möglich wieder nachhause fahren können. Das ist wichtig für den Moment, aber auch zukunftsperspektivisch, um Aktivismus nachhaltig und langfristig sinnvoll zu gestalten.

Angesichts des (unabsehbaren) Umfangs der Proteste ist auch klar, dass es uns nicht gelingen wird, alle heraus- bis überfordernden Situationen angemessen aufzufangen, zu begleiten und nachzubereiten. Wir sind uns der Limitierung unserer Kapazitäten sowie unserer Handlungsspielräume bewusst. Dennoch wollen wir versuchen, Menschen während und nach den Protesten so gut wie möglich zu begleiten und zu unterstützen.

Um das möglich zu machen, haben wir eine Awareness-Struktur ausgearbeitet, die unterschiedliche (Aufgaben-)Bereiche umfasst. Jeder dieser Bereiche geht mit spezifischen Aufgaben und potenziellen Herausforderungen einher, die nachfolgend als Übersicht dargestellt und einzeln umrissen werden sollen. Weitere Informationen folgen kurz vor (Schicht-)Beginn.

Erreichbarkeit

Ihr erreicht uns unabhängig von der Aktion immer per E-Mail unter folgender Adresse: awareness@widersetzen.com

Außerdem auch verschlüsselt unter widersetzen_awareness@systemli.org. Den PGP-Key findet ihr auf der Website. 

Für Verständnis- und/ oder Inhaltsfragen sind wir gerne per E-Mail erreichbar. Gleichzeitig wollen wir euch einladen, für grundlegende, weniger struktur-sensible Fragen auf unsere geballte Schwarmintelligenz, also auf den Awareness-Helfi-Kanal  zurückzugreifen. Vielleicht gibt es auch Freund*innen und/ oder Genoss*innen, die gemeinsam mit dir auf die Inhalte schauen, Fragen besprechen und weiterdenken möchten. Denn: Awareness geht uns alle an und ist eine kollektive Aufgabe!

Danke, dass du das liest wir sehen uns bald, in Erfurt! 

1. Code of Conduct

Wir haben einen Verhaltenskodex (Code Of Conduct) für den Protest, denn Antifaschismus ist kein Lippenbekenntnis. Durch unser Handeln leben wir unsere Werte:

  • Wir sind uns bewusst, dass wir auch mit den besten Intentionen trotzdem ungewollt und unbewusst schädliche gesellschaftlich normalisierte Verhaltensweise wiederholen.
  • Wir helfen uns gegenseitig die ausschließende, diskriminierende und gewaltvolle Wirkung unserer Verhaltensweisen zu reflektieren und abzubauen.
  • Wir achten in unserem Handeln insbesondere auf die Bedürfnisse von gesellschaftlich marginalisierten (an den Rand gedrängten und unsichtbar gemachten) Personen und Gruppen.
  • Wir stellen uns nicht über andere Menschen. Wir praktizieren einen offenen, freundlichen und wertschätzenden Umgang miteinander und mit nicht direkt am Protest beteiligten Personen.
  • Alle Menschen sind eingeladen, sich uns anzuschließen und wir unterstützen alle Personen, die mit uns widerständig sein möchten. 
  • Wir greifen die Anwohnenden in Erfurt nicht verbal/emotional an. Wir sind solidarisch mit allen Menschen in Erfurt, die gegen AfD und Rechte Diskursverschiebung sind.
  • Unsere gemeinsame Aktion endet erst, wenn alle Menschen gesund und sicher wieder zu Hause sind. Explizit tragen wir auch rechtliche Konsequenzen zusammen und stehen solidarisch zusammen gegen alle Repression und unterstützen uns auch nach dem Aktionstag!

Bitte beachtet auch unseren Aktions-Konsens:
https://cryptpad.fr/pad/#/2/pad/view/EpkJhFy85htcYYxsjlWTBNi8G54yfRWBuaesWZ1rYIE/

2. Awareness für Erfurt: Die Struktur im Überblick

Die nachfolgende Auflistung möchte einen groben Überblick über die für Erfurt geplanten Awareness-Strukturen geben. Es kann sein, dass sich konkrete Aspekte und/ oder ganze Bereiche bis zu den tatsächlichen Protesten nochmal verändern bzw. sich ständig aktualisierende Bedingungen angepasst werden müssen.

Awareness-Strukturüberblick 

  • Anreise (dezentral)
    • Bus oder andere Anreise [dezentral in den Städten organisiert]
  • Stationäre Strukturen (Erfurt)
    • Rückzugsräume [auf Aktionskarten]
    • OoA (Out-of-Action) Räume [erreichbar über Awareness]
  • Demo & Kundgebung (Erfurt)
    • mobile Awareness-Teams auf Demo und Kundgebung 
  • Aktion​​​​​​ (Erfurt)
    • Black Awareness [dezentral in den Städten/ Bezugsgruppen organisiert; Awareness-Packliste von uns bereit gestellt, Refinanzierung möglich] 
    • Purple Awareness [via gemeinsames Koordinierungs-Back-Office]
  • Nachbereitung​​​​​​​​​​​​​​ (dezentral)
    • Empfehlung, lokale Nachbereitungstreffen zu planen
    • Erreichbarkeit nach Aktion
    • ggf. weitere Nachsorge-Angebote (im Prozess)

Anreise/Busanreise

Awareness soll von Anfang an präsent sein, auch bei der Anreise. Diese erfolgt in Bussen aus unterschiedlichen Städten, daher wird Bus-Awareness dezentral von den jeweiligen Ortsgruppen organisiert. Wir als AG laden alle ein, vorab an einem unserer Onboardings, Übungs- und Infocalls teilzunehmen, sodass sie mit Awareness im Allgemeinen und konkreter im Rahmen von widersetzen vertraut sind.Gerade auf der Rückreise ist Awareness schon Teil von Out of Action und damit ein wichtiger Anlaufpunkt für alle Aktivisti, um nach der Aktion aufgefangen zu werden. 

Link zu einem Anleitungsvorschlag für Bus-Awareness:

Und hier nochmal extra der Link zur Packliste für die Busse: 

stationäre Strukturen

Rückzugsräume sind Räume, in denen Aktivisti/Demonstrierende kurz verschnaufen können, Handy laden können, Wasser trinken und auf Toilette gehen können. Diese Räume werden nicht zwangsläufig durch Awareness betreut. Die Rückzugsräume sind öffentlich zugänglich und auf Karten eingezeichnet. Sie sind am Samstag bis zum frühen Abend offen. In Erfurt werden die Rückzugsräume nicht durch widersetzen selbst organisiert, sondern durch andere Organisationen. 

Wir planen außerdem Out of Action Räume, deren Adresse nicht kommuniziert wird. Diese Räume sollen unter anderem Menschen auffangen, die traumatische Erfahrungen in Aktion gemacht haben und deshalb durch Awareness und Schutz betreut werden. Dadurch, dass die Aktion erst beendet ist, wenn alle sicher zu Hause sind, sind wir voraussichtlich in der Zeitplanung für diese Räume etwas flexibler sein, um ggf auch Menschen aufzufangen, die nachts aus der Gesa kommen. 

Demo & Kundgebung

Demos 

6:00 Uhr DGB Demo 10:00 Uhr Jusos Demo 

Demo-Awareness begleitet den Demozug bzw. die einzelnen Stränge in mobilen Teams. Erkennbar sind die Teams dabei an lila Westen. Jedes Team ist ausgestattet mit einem Rucksack, in dem sich für die Awareness-Arbeit potenziell nützliche Materialien befinden. Die Lautis (Lautsprecherwagen) dienen zusätzlich als Awareness-Materiallager (hier kann bei Bedarf nachgefüllt werden), zudem sind sie Orientierungs- und Sammelpunkte für die Teams auf der Strecke. Idealerweise bleiben die Teams stets zusammen. Zudem hat jeweils eine Person im Team ein Handy/eine Funke dabei, mit dem ihr mit euren Hintergrundpersonen, dem Koordinierungs-Back-Office und anderen Teams verbunden bzw. bei Bedarf füreinander erreichbar seid.

Die erste Demo-Schicht startet am Demo-Startpunkt (noch bekanntzugeben), alle weiteren Schichtwechsel finden bei der Endkundgebung statt.

Kundgebung

Die Demo läuft in Richtung Kundgebungsort. Dort sammeln wir uns, hören Redebeiträge und Live-Musik. Voraussichtlich wird es laut und umtriebig sein. Während der Kundgebung und Konzerte sind mobile Teams unterwegs, achten auf die Stimmung und sind ansprechbar. Auch sie sind durch lila Westen erkennbar, haben Rucksäcke dabei und sind per Handys/ Funken erreichbar (entscheidet sich vor Ort, Nummern werden kurz vorher bekannt gegeben).

Die Schichtwechsel finden zu den jeweiligen Zeiten (siehe Schichtpläne) bei der Kundgebung statt.

Aktion

Neben den Demo-Sanitäter*innen (Sanis), die vor allem die physischen Verletzungen versorgen, betreut  Awareness eher psychosozial, hat aber – im besten Fall – auch einige andere Themen auf dem Schirm. Die Aktions-Awareness-Gruppe ist dabei mit einer besonderen Situation konfrontiert, die nicht vergleichbar ist mit Awareness bei einer Veranstaltung oder einer Party in einem linken Raum. Das folgende Dokument soll die bereits bestehenden Awareness-Konzepten mit Fragestellungen ergänzen, die sich in der speziellen Situation einer Aktion ergeben. 

Es werden zwei unterschiedliche Aktions-Awareness-Strukturen angestrebt. Zum einen wird es eine Aktions-Awareness  „von außen“ geben und zum anderen wird den jeweiligen Fingern empfohlen eine eigene Awareness-Struktur „von innen“  zu stellen. 

Hier ist ein Link zu einem Konzept für ein Buddy-System und Absprachen, die die Awareness vorher im Plenum treffen sollte: https://cryptpad.fr/pad/#/2/pad/view/Mg6f9a+hZlJAyQzEY6ZSraynqSnKe+rKFIdMRat+lJk/

Purple Awareness

Hier stößt das Team erst nach dem offiziellen Start der Aktion „von außen“ dazu. Es ist gut sichtbar mit lila Westen gekennzeichnet. Dabei sollten sich die Teams im Vorhinein schon in der Nähe der Aktion aufhalten, um einen langen Anfahrtsweg zu vermeiden, ohne dabei bei den Cops oder Nazis aufzufallen.

Von der widersetzen Awareness Struktur werden einige Teams (mit je 3 Personen) gestellt, die in Rücksprache mit der Küfa, den Sanis und der Aktionsplanung mobil und bedarfsabhängig zu kleineren angemeldeten Kundgebungsorten oder Aktionen reisen können. Hierfür wird auch ein Transportmittel organisiert.

Strategie-Möglichkeiten/ Vorgehen:

Zu den Aktivist*innen durch zu kommen gelingt am besten, wenn bisher nur die Streifenpolizist*innen anwesend sind und noch etwas Chaos herrscht, also möglichst schnell. Wenn bereits alles abgesperrt ist, entschlossen zügig auf die Einsatzleitung/ Person mit vielen Sternchen zugehen, einen Vor- und Nachnamen nennen, „psychosozialer Dienst“ und „vielen Dank“ sagen und weitergehen. Klappt das nicht, dasselbe an mehreren Stellen versuchen. Falls das auch nicht klappt, behaupten, eine Toilette für die Aktivist*innen zu bringen, es müssten mehrere „Frauen“ dringend urinieren.

Sollte es dazu kommen, dass die Polizei den Weg versperrt, lohnt es sich, es an mehreren Stellen und bei verschieden Polizist*innen zu versuchen. Oft ist die Polizei nicht überall informiert und lässt das Team dann fünf Meter weiter doch durch. Es hilft auch manchmal zu betonen, dass wir uns um Trauma-Prävention und psychische Ausnahmezustände kümmern. Bei der Aktion angekommen, ist es von Vorteil, wenn wir uns in Augen der Polizei „nützlich“ machen und als neutral/ ungefährlich erscheinen. Das hebt die Akzeptanz uns gegenüber und es ermöglicht uns, Räume zu schaffen, in denen wir arbeiten können. 

Tricks wie wir das schaffen können, sind z.B.: eine ungelöste Klo-Frage lösen, in dem wir Sichtschutz und Tempos/ Toilettenpapier mitbringen.

Vor- und Nachteile:

Der Vorteil liegt hierbei ganz klar darin, dass die Awareness für die Polizei stärker von den Aktivist*innen getrennt wird und so manche Dinge eher von ihr geduldet werden. Es kann allerdings schwierig werden zu den Aktivist*innen zu kommen, wenn bereits viel Polizei vor Ort ist und die Aktivist*innen z.B. in einem Kessel stehen. ​​​​​​​​​​​​​​

Black Awareness

Hier ist die Awareness ein Teil der Aktion – dabei geht das Team im Finger mit, markiert sich nicht oder sehr dezent (z.B. Stück lila/ pinkes Gaffa oder lila Stoffbinde). Innerhalb der Aktion(en) sind diese als Awareness-Bezugsgruppen ansprechbar. Dabei streben die eine Awareness-Bezugsgruppe aus 4-8 Personen (eine Reihe) pro 150 Teilnehmer*innen an. Die Awareness-Bezugsgruppen reisen gemeinsam zur Aktion an und sind schon bei der Anreise als Awareness-Struktur erkennbar. Wie die Demo-Awareness-Teams haben auch die Awareness-Bezugsgruppen Awareness-Material im Rucksack. 

Vorgehen:

Der Teil des Teams, die es ans Aktionsziel schafft, verschafft sich erstmal einen Überblick über das angekommene Material und die angekommenen Menschen. Es werden eventuell neue Teams gebildet, die idealerweise jeweils mindestens eine weiblich gelesene Person haben und sich bis zum Ende der Aktion nicht mehr trennen.

Die Bezugis sollten sich intern auf klare Schichten verständigen, damit Auszeiten von der Awareness Arbeit möglich sind. Beispielsweise können 2-4 Leute aus der Bezugi 3 Stunden Awareness machen und danach die restlichen 2-4 Menschen 3 Stunden übernehmen. So können die Awareness Personen Pausenzeiten einplanen. Die Übergabe der Awareness-Schicht erfolgt in einer ruhigen und kontrollierbaren Situation. Dabei berichtet die vorherige Schicht von eventuellen Ereignissen und Fällen. Insofern Fälle übergeben werden müssen, erfolgt eine ausführlichere Beschreibung der Fälle. Wenn dies notwendig ist, um Personen zu erkennen, kann hier innerhalb der Awareness eine Ausnahme von dem Grundsatz der Anonymität gemacht werden.

Vor- und Nachteile:

Vorteilhaft ist, dass die Awareness die Stimmung und Bedürfnisse der Aktivist*innen sehr leicht selbst einschätzen kann. Nachteil, dass wahrscheinlich Menschen und Material nicht ankommen und die Polizei die Teams als Aktivist*innen wahrnehmen wird.

Der Vorteil bei dieser Option liegt darin, dass die Temassofort und unmittelbar an den Aktivist*innen dran sind und so von Stunde 0 an unterstützen können. Nachteilig ist dabei allerdings, dass es schwierig werden kann, sobald die Polizei eintrifft und die Teams als „normale“ Aktivist*innen eingestuft werden und so weniger Spielraum von der Polizei gegeben wird. 

Nachbereitung

Die Aktion ist erst zuende, wenn alle Repressionen durch sind. Und: Nach der Aktion ist vor der Aktion. 

Uns ist daher wichtig, Menschen nicht nur unmittelbar während den Protesten zu unterstützen, sondern auch Angebote zur Nachsorge bereit zu stellen. 

Das ist vor allem wichtig, um heraus- bis überfordernde und/ oder gewaltvolle Erfahrungen, vor allem in und um Aktionen herum, angemessen aufzufangen. Betroffene Personen auf ihren/ in ihre Wegen der Verarbeitung zu begleiten, ist besonders bedeutsam, weil Traumatisierungen vor allem dann entstehen, wenn nach gewaltvollen Erlebnissen nicht ausreichend Support zur Verfügung steht, um das Erlebte für sich sinnvoll einzuordnen und einen stimmigen Weg des Umgangs zu finden. 

Die nachfolgenden Awareness- und Unterstützungsangebote wollen also einen Beitrag zu nachhaltigem Aktivismus leisten. Denn: Nur, wenn wir in und nach Aktionen gut für uns selbst und einander sorgen, wird es uns längerfristig möglich sein, wiederständig zu sein und bleiben.

Ein kompakter Überblick zu Nachbereitungs-Angeboten und -Ideen kann hier gefunden werden:

GeSa-Awareness

Der GeSa-Support wird von der AntiRep (Anti-Repressionsstruktur) gestellt. Dabei werden auch Menschen mit Awareness-Skills die Aktivisti von der GeSa abholen und anschließend, je nach konkretem Bedarf und Wünschen, begleiten.

oder die Widersetzen-Awareness-Strukturen:
awareness@widersetzen.com

oder die Widersetzen-AntiRep-Strukturen werden:

verschlüsselte Mail an legal-ag-widersetzen@systemli.org

oder Signal: Antirepws.161

In Bezug auf Erfurt erreicht ihr auch die Awareness-AG mit verschlüsselter Mail an widersetzen_awareness@systemli.org. Den PGP Key findet ihr auf der widersetzen Homepage. 

Es wird für alle Awareness-leistenden Menschen Nachbereitungsangebote geben, losgelöst von den Nachbereitungsangeboten für alle Aktivisti!

Um Input dazu zu bekommen, wie die Planung, Schichten und Nachbereitung lief und es allen damit erging, ist euer Feedback sehr erwünscht. Feedback kann auch über die Email-Adresse der Widersetzen Awareness-Orga an die Orga-Strukturen gegeben werden:  awareness@widersetzen.com

3. Awareness im Hintergrund/Orga

Awareness (Selbst-)Verständnis im Rahmen von widersetzen

Das Bündnis ‚widersetzen‘ versteht sich als klarer Gegenpol zu rechten, rassistischen und (binären-cis-hetero-)sexistischen Ideologien, wie sie durch die AfD vertreten werden.

Unser Ziel ist es, eine solidarische, gerechte und diverse Gesellschaft zu schaffen, in der alle Menschen unabhängig von Merkmalen wie Geschlecht, Rassifizierung, sexueller Orientierung oder körperlichen Voraussetzungen, Religion bzw. Weltanschauung, Alter und sozialer Herkunft respektiert und gleichberechtigt behandelt werden.

Dazu braucht es ein Bewusstsein (‚Awareness‘), dass es strukturelle Ungleichheiten in unserer Gesellschaft gibt und dass Diskriminierungserfahrungen nicht bloß tragische Einzelfälle sind. Ganze Gruppen werden an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt.

Während rechte Kräfte auf Ausgrenzung, Nationalismus und autoritäre Machtstrukturen setzen, kämpfen wir für eine solidarische, inklusive und gerechte Gesellschaft. Unser Konzept zielt darauf ab, marginalisierte Gruppen zu stärken, Machtstrukturen abzubauen und eine transformative Gerechtigkeit zu schaffen, die alle Menschen einbezieht. Wir versuchen bei den Zusammenkünften im Rahmen des Widersetzen-Bündnisses dafür zu sorgen, dass Personen, die Diskriminierungen oder andere Formen von Gewalt erleben, nicht gezwungen sind, aus Selbstschutz das Bündnis zu verlassen.

Awareness-Arbeit wurde in Schwarzen, teilweise queeren, Gemeinschaften entwickelt, die sich nicht auf Staat und Polizei verlassen konnten. Diese Institutionen haben die Ungleichbehandlungen nicht angemessen geahndet, sondern teilweise erst ermöglicht.

Wir sind eine vornehmlich weiß positionierte Gruppe von Menschen und deshalb ist es uns wichtig, die Herkunft unserer Arbeits-Prinzipien zu benennen, um die Errungenschaften dieser Gemeinschaften anzuerkennen, zu würdigen und sie uns nicht nur anzueignen.

Das Awarenesskonzept des Bündnisses „Widersetzen“ versteht sich als direkter Gegenentwurf zu den rechten und diskriminierenden Positionen der AfD. Denn: Awareness-Arbeit basiert auf Werten wie Inklusion, Gleichstellung und intersektionaler Gerechtigkeit. Wir wollen dafür sorgen, dass alle Menschen unabhängig von Bildung oder körperlichen Voraussetzungen an unserer Arbeit teilhaben können.

Aus Zeit- und Kapazitätsgründen arbeiten wir gerade nach dem „erstmal eine solide Basis schaffen“ Prinzip. Das bedeutet, dass einige Aspekte weniger Raum bekommen, als sie brauchen. Manches, was (dir) noch wichtig ist, haben wir womöglich vergessen oder (noch) nicht auf dem Schirm. 

Ergänzungen und Anmerkungen zu Inhalten nehmen wir gerne an. Übersetzungen, insbesondere auch in einfache Sprache, würden wir (in Zukunft) gerne zur Verfügung stellen. Dazu fehlen gerade Kompetenzen und Kapazitäten. Wenn Ihr helfen könnt, kommt bitte auf uns zu.

3. Glossar/Erklärung

Die folgenden Begriffe und Konzepte sind Grundlage für unser Handeln im Rahmen von Awareness-Arbeit.​​

Intersektionalität
Intersektionalität ist ein zentrales Prinzip von Awareness-Arbeit und beschreibt das Zusammenwirken verschiedener Formen der Diskriminierung und Ausgrenzung, die oft gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken. Menschen können zum Beispiel nicht nur aufgrund ihres Geschlechts, sondern gleichzeitig auch durch Rassismus benachteiligt werden bzw. (zwischenmenschliche und strukturelle) Gewalt erfahren.
Das Konzept der Intersektionalität hilft uns, die Komplexität von Ungleichheiten zu verstehen und sichtbar zu machen.

Gleichbehandlung und Inklusion
Unser Ansatz basiert auf dem Grundsatz, dass alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Fähigkeiten gleich behandelt werden sollen und müssen. Inklusion als Ziel eines stets andauernden Prozesses bedeutet für uns nicht nur Abbau von Barrieren, sondern auch eine Gesellschaft, in der alle Menschen in ihrer Vielfalt wahrgenommen und respektiert werden. Dies gilt insbesondere für BIM_PoC (Black, Indigenous, and People of Color), die aufgrund von Rassismus und Marginalisierung (Verdrängung an den Rand der Gesellschaft) häufig unsichtbar gemacht werden.

Rassismus und verwandte Diskriminierungsformen
Wir erkennen Ausgrenzung als ein Ausnutzen von tief in unserer Gesellschaft eingebetteten Machtverhältnissen an und stellen uns deshalb gegen alle Formen von Rassismus und Antisemitismus.
Insbesondere durch rechte Ideologien, wie sie die AfD propagiert, werden diese Diskriminierungsformen weiter verschärft. Die Auseinandersetzung mit Rassismus ist nicht nur der Kampf gegen institutionelle und strukturelle Diskriminierung, sondern auch eine Frage der Reflexion eigener Vorurteile.

FLINTA+ und Geschlechtergerechtigkeit
FLINTA+ steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen. Damit sind explizit alle Menschen gemeint, die nicht endo-cis-männlich sind.
Dieser Begriff steht im Mittelpunkt unserer queer-feministischen Arbeit. Wir setzen uns für die Sichtbarkeit und Teilhabe dieser Personen in allen gesellschaftlichen Bereichen ein. Wir setzen uns auch für eine gerechte Verteilung von Care-Arbeit ein. Care-Arbeit wird oft unsichtbar gemacht und auf FLINTA+ Personen abgewälzt.
Transfeindlichkeit und Queerfeindlichkeit lehnen wir entschieden ab. Wir benutzen deshalb auch den Begriff Queer-Feminismus, um darauf hinzuweisen, dass Transfeindlichkeit und Queerfeindlichkeit durch TERFs (Trans Exclusionary Radical Feminists) und SWERFs (Sex-Work-Exclusionary Radical Feminists) gefördert werden. Diese Ideologien versuchen, trans Personen aus feministischen Kämpfen auszuschließen und marginalisierte Gruppen, wie Sexarbeiter*innen, weiter zu diskriminieren.​​​​​​​

LGBTQAI+ und Queerness
LGBTQAI+ ist eine Abkürzung der englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Intersexual und Asexual. Es ist also eine Abkürzung für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, queere, intersexuelle und asexuelle Menschen.
Menschen, deren sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht der heteronormativen Norm entspricht, bezeichnen sich gerne als queer. Durch den Begriff ‚queer‘ kann eine Identifikation stattfinden, ohne dass eine stereotype Rolle eingenommen werden muss.

Geschlechtergerechte Sprache und Pronomen
Die Verwendung geschlechtergerechter Sprache ist ein zentraler Bestandteil unserer Praxis. Sie macht verschiedene Geschlechteridentitäten sichtbar und fördert die Gleichbehandlung. Wir setzen uns auch dafür ein, dass Pronomen respektiert werden, um emotionale Verletzungen durch das Benutzen falscher Pronomen (‚Misgendern‘) zu vermeiden.

Sexismus und sexualisierte Gewalt
Sexismus ist eine der ältesten, tief in gesellschafltichen Strukturen verankerte Form der Diskriminierung und Teil patriarchaler Kontrolle. Wir erkennen sexualisierte Gewalt als Machtmittel an, das oft genutzt wird, um FLINTA+ Personen zu unterdrücken.
Unerwünschte Pseudo-Komplimente (‚Cat-Calling‘), die Ablehnung einer aktiven Sexualität bei FLINTA+-Personen (‚Slut-Shaming‘) und die Abwertung von Personen, deren Körper nicht einem vermeintlichen Ideal entsprechen (‚Body-Shaming‘) sind nur einige der subtileren Formen (Mikroagressionen) von Gewalt, die im Alltag auftreten.

Ableismus und Neurodivergenz
Ableismus bezeichnet die Diskriminierung von Menschen, die in unserer Gesellschaft behindert werden. Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der Barrierearmut und Inklusion selbstverständlich sind.
Gleichzeitig fordern wir mehr Sichtbarkeit für neurodivergente Menschen – also Personen, die neurologisch von der gesellschaftlichen Norm abweichen, wie etwa Menschen mit Autismus oder ADHS. Auch diese Gruppen sind besonders durch Machtstrukturen benachteiligt und sollen in unsere Awareness-Arbeit einbezogen werden.

Ageism und Adultismus
Ageism bezeichnet die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Alters. In unserer Gesellschaft erfahren sowohl ältere Menschen als auch Kinder und Jugendliche durch Adultismus Benachteiligungen.
Wir setzen uns für Teilhabe aller Altersgruppen ein und erkennen an, dass Machtstrukturen oft auf der Abwertung bestimmter Lebensphasen beruhen.

Privilegien und Allyship
Ein zentraler Ansatzpunkt unserer Arbeit ist die Sensibilisierung für Privilegien. Allyship bedeutet, dass Menschen, die in einer Machtposition sind, aktiv solidarisch handeln, um marginalisierten Gruppen beizustehen.
Dies erfordert eine kritische Reflexion eigener Privilegien und die Bereitschaft, gegen alltägliche Diskriminierungsformen aktiv einzuschreiten. Damit meinen wir Verhaltensweisen wie zum Beispiel ‚Gaslighting‘ (psychologische Manipulation und Verunsicherung), ‚Silencing‘ (mundtot machen) oder ‚Tone Policing‘ (Nicht-Anerkennen von Argumenten, weil die betroffenen Personen gerade nicht gelassen agieren).

Transformative Gerechtigkeit und gesellschaftliche Verantwortungsübernahme
Unser Ziel ist eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung hin zu mehr Gerechtigkeit. Transformative Gerechtigkeit bedeutet, dass wir nicht nur Symptome bekämpfen, sondern die zugrunde liegenden Machtstrukturen verändern wollen.
Dabei setzen wir auf gemeinschaftliche Verantwortungsübernahme und die Schaffung neuer, gerechterer Strukturen. Verantwortungsübernahme in diesem Kontext bedeutet zum einen, dass jede*r Einzelne sich aktiv darum bemüht, Machtstrukturen zu erkennen und abzubauen, statt sie zu reproduzieren. Zum anderen ist es ein Prozess innerhalb von Gruppen, um zu verhindern, dass sich Vorfälle wiederholen. Idealerweise ohne dass Menschen ausgeschlossen werden müssen.

Konsens 
Wir legen großen Wert auf Konsens in allen Handlungen im Rahmen der Awarenessarbeit. Das bedeutet, dass alle beteiligten Personen explizit ihre Zustimmung geben müssen, bevor Handlungen vorgenommen werden, die sie betreffen.

Definitionsmacht
Das Konzept der Definitionsmacht stellt einen Gegenentwurf zum bürgerlichen Rechtssystem dar, in dem sich die betroffene Person, aufgrund der Unschuldsvermutung, in einer strukturell schwächeren Position befindet.
Awareness-Arbeit legt den Fokus auf die betroffene Person, stellt ihre Wahrnehmung nicht in Frage und relativiert diese auch nicht.

Soldarische Parteilichkeit
In unserem Umgang mit betroffenen Personen sind wir immer parteilich. Neutralität würde bedeuten, vorhandene Ungerechtigkeiten schweigend hinzunehmen und damit im Endeffekt nur weiter zu verstärken.

Klassismus

Klassismus bezeichnet die Diskriminierung aufgrund von Bildung, solzialer Herkunft und sozio-ökonimischen Status. Damit sind zum Beispiel finanzielle Hürden Barrieren, die die Teilnahme  bei Veranstaltungen und Protest durch Anfahrt etc. Teil eines klassistischen Systems. 

Mikroaggressionen:

Mikroaggressionen sind alltägliche Äußerungen oder Handlungen, die indirekt, subtil oder unbeabsichtigt marginalisierte Personengruppen diskriminiert. Die Äußerungen werden meist als übergriffig wahrgenommen. Im Gegensatz zu einigen anderen Formen von Diskriminierung ist sich die tatbegehnde Person einer Mikroaggression möglicherweise nicht einmal bewusst, dass das Verhalten schädlich ist. Mikroaggressionen gehören zu Alltagsdiskriminierungen. Beispiele sind Angriffe und Beleidigungen, Ignoranz, Othering, unbewusste Handlungen oder das Negieren und Absprechen der eigenen Perspektive und Erfahrungen sein.

Othering: 

Othering (deutsch: Anders-Machung) beschreibt den Prozess, in dem Menschen aufgrund bestimmter Merkmale als vermeintlich andersartig oder „fremd“ konstruiert werden. Aufgrund einer angenommenen oder tatsächlichen Zugehörigkeit in Bezug auf race, Religion, Kultur, etc. wird eine Gruppe konstruiert. Dieser werden bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben, die wiederum auf das Individuum übertragen werden. Diese Zuschreibungen gehen mit einer Abwertung der vermeintlich „Anderen“ einher und dienen dazu die eigene Gruppe das „Wir“ zu definieren und aufzuwerten.

Ihr erreicht uns über folgende Mailadresse:
awareness@widersetzen.com